Wort zum Sonntag – 07. Juni 2020

Liebe Leserinnen und Leser,

mit dem heutigen Sonntag endet die Zeit der großen Kirchenfeste: Weihnachten, Ostern, Pfingsten.

Der Sonntag Trinitatis ist der Dreieinigkeit Gottes gewidmet und das heißt nichts anderes, als dass Gott sich zu erkennen gibt. Er hat uns sein Angesicht gezeigt im Leiden Jesu auf dem Weg zum Kreuz und in der Begeisterung der Menschen am Pfingsttag. Und wenn Gott uns sein Angesicht zeigt, wenn er uns in sein Herz schauen lässt, dann entdecken wir darin nichts anderes als seine unendliche Liebe zu allen seinen Geschöpfen.

Manch einer wird sagen: Das Bibelwort zur Predigt passt gar nicht zum Sonntag Trinitatis und zur kirchlichen Lehre von den drei Personen, den drei Erscheinungsweisen Gottes. Es ist allein vom Gott Israels die Rede und nicht von Jesus Christus oder dem Heiligen Geist. In der hebräischen Bibel heißt es:

יְבָרֶכְךָ יְהוָה וְיִשְׁמְרֶךָ

יָאֵר יְהוָה פָּנָיו אֵלֶיךָ וִיחֻנֶּךָּ

‏יִשָּׂא יְהוָה פָּנָיו אֵלֶיךָ וְיָשֵׂם לְךָ שָׁלוֹם

Zu Deutsch: Der HERR segne dich und behüte dich.
Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

Es sind die Worte des aaronitschen Segens, die im orthodoxen Judentum ausschließlich von Priestern gesprochen werden dürfen, Juden, die Cohen oder Katz im Namen tragen.

Nach der biblischen Überlieferung im 4. Buch Mose gibt Gott Mose folgende Anweisung an dessen Bruder Aaron: Und der HERR redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

Üblicherweise steht am Schluss eines katholischen Gottesdienstes der sogenannte trinitarische Segen “Es segne euch der allmächtige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.“
Aber als Martin Luther die Ordnung des evangelischen Gottesdienstes aufgestellt hat, 1526, da hat er den aaronitschen Segen an diese Stelle gesetzt. Luther begründete seine Änderung damit, dass der aaronitische Segen im Unterschied zum trinitarischen Segen auf eine Weisung Gottes zurückgehe und in seinem biblischen Wortlaut viel reicher und um-fassender sei als der trinitarische Segen. Auch für den Reformator Calvin hat die eigentümliche hebräische Ausdrucksweise eine besondere Kraft.

Luther hat damit die evangelische Kirche viel stärker mit der Tradition Israels verbunden. Es ist der Gott Israels, der seinen Namen auf sein Gottesvolk legt. Es ist der Gott, den Jesus unseren Vater im Himmel genannt hat, der neben seinem erwählten Volk alle Völker erwählt hat und segnen will.

Und dennoch hat Luther den Gedanken der Trinität nicht aufgegeben: In einer Predigt über den ‚Segen, so man nach der Messe spricht über das Volk‘ hat Luther die drei Zeilen des aaronitischen Segens mit den drei Personen der Trinität verbunden. Die erste Zeile bezieht sich auf Gott, den Schöpfer: ‚Der Herr segne dich und behüte dich, das ist, er gebe dir gnädiglich Leib und Leben, und was dazu gehört‘ Die zweite Zeile wird auf den Sohn bezogen: ‚Also wird dem Sohn zugeeignet das Werk der Erlösung, welches dieser Segen auch berührt und erklärt, da er spricht: der Herr erleuchte sein Angesicht über dir … das ist, er helfe dir von Sünden und sei dir gnädig ...‘ Die dritte Zeile wird auf den Heiligen Geist bezogen: ‚Und dem Heiligen Geist wird zugeeignet das Werk der täglichen Heiligung, Trost und Stärkung wider den Teufel und endlich die Auferweckung vom Tod, welches dieser Segen auch berührt und verklärt, da er spricht: „Der Herr erhebe sein Angesicht … das ist, er wolle dich stärken, trösten ...“

Unser deutsches Wort segnen ist abgeleitet vom lateinischen signare, bezeichnen. Jemand wird gesegnet, also mit einem Kreuzeszeichen bezeichnet. Die lateinische Sprache hat ein besseres Wort, das ausdrückt, was gemeint ist: benedicere – benedicere bedeutet gutheißen. Was Gott gutheißt, wozu Gott ja sagt, das ist gesegnet.

Kinder werden bei ihrer Taufe gesegnet: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“ In der Konfirmation bekommen wir den Se-gen für die Lebensreise: „Schutz und Schirm vor allem Bösen, Kraft und Hilfe zu allem Guten.“ Bei der Hochzeit erhalten wir die Zusage, dass der liebende Gott unseren gemeinsamen Weg in der Ehe und Familie begleitet. Und von Anbeginn der Schöpfung an stehen alle Menschen unter dem Segen des Schöpfers: Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde …

Es ist nicht falsch, wenn wir den Segen Gottes mit dem Gedanken an ein gutes Leben im Wohlstand verbinden. Aber Segen ist mehr als bescheidener Wohlstand und ein geregeltes Auskommen. Segen bedeutet Leben im umfassendsten Sinn, so wie ein Regen nach langer Dürre das Land fruchtbar macht und zum Blühen bringt. Segen ist Trost in Krankheit und Leid. Segen ist Glück und Zufriedenheit.

Im Grunde wird es in unserem biblischen Segenwort zum Ausdruck gebracht. וְיָשֵׂם לְךָ שָׁלוֹם: Er gebe Dir Frieden; wobei Schalom noch größer und umfassender ist als unser Wort „Frieden“. Schalom meint, dass alles gut ist. Ein Leben im Einklang mit meinen Mitmenschen, im Einklang mit der Natur, ein Leben im Einklang mit Gott.

Und dieser lebendige Segen bleibt nicht allein. Er fließt über in Fülle. So wie einst dem Erzvater Abraham Segen verheißen war, wirkt der Segen Gottes über den Gesegneten hinaus, hin-ein in Familie und Freundeskreis, geht über auf Kinder und Kindeskinder bis ins hundertste und tausendste Glied. Sonntag für Sonntag wird uns dieser Segen verheißen. „Ich will dich segnen und Du sollst ein Segen sein!“ Schalom, Friede sei mit Dir. Amen.

Pfarrer Rainer Janus

 

PDF-Dateien zum Herunterladen: Wort zum Sonntag Trinitatis und Gottesdienstblatt Trinitatis